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Veröffentlicht 2018, aktualisiert am 01.02.26, OER-Lizenz CC BY-SA (Öffnet in einem neuen Tab)
Der mehrsprachige Alltag
Redaktion: Wie heißen Sie? Woher kommen Sie?
Francesca S.: Ich heiße Francesca S. und komme aus Italien, dort bin ich geboren und aufgewachsen. Seit achtzehn Jahren lebe ich in Deutschland.
Redaktion: Welche Sprachen sprechen Sie?
Francesca S.: Italienisch, Deutsch und Englisch.
Redaktion: Wo und wann haben Sie Deutsch gelernt?
Francesca S.: Ich habe im Studium angefangen, Deutsch zu lernen, und zwar an der Universität in der Stadt, aus der ich komme. Dort habe ich Sprach- und Literaturwissenschaften studiert.
Redaktion: Welche Sprachen sprechen Ihre Kinder? Welche Sprachen werden in der Familie gesprochen?
Francesca S.: Meine Kinder sind jetzt 9 und 6 und sprechen Italienisch und Deutsch, momentan beide Sprachen gleich gut, würde ich sagen. Zu Hause sprechen wir beide Sprachen, wobei ich Italienisch mit den Kindern spreche und meistens Deutsch mit meinem Mann. Die Kinder wiederum sprechen auf Italienisch zu mir und auf Deutsch zum deutschsprachigen Papa: Sie wissen ganz genau, wer welche Sprache spricht. Untereinander sprechen sie meistens Deutsch. Ich glaube, es liegt daran, dass sie sich einfach als „Kinder“ wahrnehmen und mit den Kindern sprechen sie meistens Deutsch. Eine Ausnahme ergibt sich, wenn sie zum Beispiel „Haus am Meer“ spielen, also wenn das Spiel Italien als Setting hat.
Redaktion: Klingt spannend. Wie sieht ein Gespräch am Mittagstisch aus?
Francesca S.: Wir haben uns für den Ansatz „Eine Person, eine Sprache“ entschieden, das fühlte sich von Anfang an für uns natürlich an. Jeder Elternteil spricht die eigene Erstsprache mit den Kindern. Es ist bei uns relativ unkompliziert, da ich Deutsch verstehe und fließend spreche und mein Mann Italienisch gut versteht und mittlerweile ganz gut spricht: Wir wissen immer, worum es im Gespräch geht. Diese Sprachen vermischen sich im Alltag - vor allem am Tisch – aber ich bleibe die Bezugsperson für Italienisch und mein Mann für Deutsch, obwohl er zwischendurch einen Satz auf Italienisch sagt oder ich einen auf Deutsch. Es funktioniert.
Redaktion: Und wenn andere Kinder zu Besuch kommen?
Francesca S.: Oh, dann wird’s lustig: Ich möchte nicht, dass sich die Freunde der Kinder ausgeschlossen fühlen und sage dann immer alles zweimal: Auf Italienisch und auf Deutsch. Wenn ich alle Kinder anspreche, sage ich den Satz erstmal auf Deutsch und dann spreche ich meine Kinder direkt an und wiederhole den Satz auf Italienisch. Spreche ich meine Kinder direkt an, sage ich den Satz zuerst auf Italienisch und wiederhole dann für die anderen auf Deutsch, damit sie wissen, worum es geht. Und wenn die Kleinen dann fragen: “Was heißt das?“ dann erkläre ich das. Oder wenn sie fragen: „Warum sprichst du mit … Italienisch?“ beantworte ich die Frage. Genauso gehe ich auch vor, wenn wir mit Menschen, Freunden, Bekannten sind, die mich und die Kinder nicht verstehen können. Am liebsten soll sich niemand ausgeschlossen fühlen. Es ist gewöhnungsbedürftig, aber das hat sich bewährt. Mittlerweile kennen manche Kinder, Eltern und Erzieher*innen das eine oder andere italienische Wort. Genauso wie ich und meine Kinder das eine oder andere Wort auf Griechisch oder Türkisch oder Spanisch kennen. Das ist doch toll!
Mit mehreren Sprachen groß werden: Die Mehrsprachigkeit unterstützen
Redaktion: Wie haben die Kinder Italienisch gelernt? Wie haben die Kinder Deutsch gelernt?
Francesca S.: Sie haben die italienische Sprache mit mir gelernt. Ich bin die Bezugsperson für diese Sprache und verwende sie immer, wenn ich mit ihnen rede. Mein älteres Kind ist ein Schulkind und nimmt seit der ersten Klasse am „Herkunftssprachlichen Unterricht“ auf Italienisch teil, mein jüngeres Kind fängt im ersten Schuljahr damit an. Deutsch haben sie von Anfang an mit dem Papa gelernt, mit der Tagesmutter, im Kindergarten und sie erleben die deutsche Sprache in ihrem Alltag in der gesamten Umgebung, sie wissen auch ganz genau, dass ich Deutsch spreche und verstehe.
Redaktion: Wie unterstützen Sie in Deutschland die Sprache Italienisch?
Francesca S.: Ich liebe Bücher und habe schon immer den Kindern viele altersgerechte Bücher zur Verfügung gestellt. Am Anfang waren es Bücher mit nur einem Bild pro Seite, dann Wimmelbücher. Die finde ich super, besonders die Wimmelbücher von Rotraud Susanne Bernhers: Sie sind auch für Erwachsene spannend und man entdeckt immer neue Details. Man kann mit den Wimmelbüchern vieles tun: Beschreiben, was man sieht, etwas im Bild suchen oder eine Geschichte dazu erfinden. Wir haben auch viele Rollenspiele gespielt (Kaufladen, Kochen, …) und telefonieren viel mit Oma und Opa in Italien. Ich habe viel vorgelesen und lese dem jüngeren Kind immer noch vor. Das ältere Kind liest bereits selbstständig, da muss ich nur noch schnell genug sein und es mit neuer „Literatur“ – wie es sagt – versorgen. Da hilft Online-Einkaufen sehr, auch wenn ich sonst nicht dazu stehe. Und ich nehme immer Bücher und Comics aus Italien mit, wenn wir dort sind. Oder bitte darum, welche mitzubringen, wenn wir Besuch haben. Wir schauen auch Kinder- oder Familienfilme auf DVD oder bei den üblichen Online-Anbietern auf Italienisch, die Kinder schreiben der Verwandtschaft in Italien kurze Handynachrichten. Für die Schulkinder finde ich das schulergänzende Angebot „Herkunftssprachlicher Unterricht“ eine große Unterstützung: Im Unterricht lernen die Kinder viele Vokabeln, vieles rund um das Land und üben das Lesen und vor allem das Schreiben. Sie lernen auch das, was sie in der Schule im Fach Deutsch lernen: Satzglieder erkennen, kurze Bildergeschichten schreiben… Welches 9-jährige Kind würde sich sonst freiwillig mit einem Elternteil an den Tisch setzen, um einen Text zu schreiben?
Redaktion: Wie verträgt sich der HSU (Herkunftssprachlicher Unterricht) mit dem Arbeitspensum der Schule und den Hausaufgaben? Kommt es zu Konflikten?
Francesca S.: Naja, es ist schon eine zusätzliche Belastung. Mein Kind macht die Hausaufgaben für Italienisch immer an dem Tag, an dem es keine Hausaufgaben für die Schule gibt, somit hat es an diesem Nachmittag nicht frei. Und am nächsten Nachmittag hat es nach der Schule zwei Stunden Italienisch und kann nicht mit den Hausaufgaben für die Schule anfangen. Das führt oft dazu, dass die Hausaufgaben auch am Wochenende gemacht werden und das ist eine Belastung für die ganze Familie.
Redaktion: Wie schätzen Sie, dass Ihr Kind das empfindet?
Francesca S.: Er weiß Bescheid und merkt, dass Italienisch eine zusätzliche Belastung ist. Er hat vielleicht mehr „Termine“ als andere Kinder. Aber er ist stolz, wenn wir in Italien sind, dass er sich selbstständig unterhalten kann, mit anderen Kindern spielen und das Spiel mitgestalten kann. Es gibt viele Kinder in der Schule, die andere Sprachen sprechen und die am Herkunftssprachlichen Unterricht in anderen Sprachen teilnehmen. Das wissen die Kinder und fühlen sich nicht wie Sonderlinge: Das eine Kind geht zu Griechisch, das andere zu Türkisch, das nächste zu Polnisch. Wenn ich darüber nachdenke, würde ich sagen, dass mindestens ein Drittel der Kita- und Schulkinder in unserem Umfeld mehrsprachig aufwächst. Vielleicht ist es sogar die Hälfte.
Redaktion: Warum unterstützen Sie die Mehrsprachigkeit und dass die Kinder Ihre Erstsprache(n) sprechen?
Francesca S.: Mir war in erster Linie wichtig, dass sich die Kinder mit den italienischen Großeltern und mit meiner Verwandtschaft und Freunden in Italien verständigen können, das war mein Hauptanliegen. Meine Eltern und Verwandten sprechen kein Deutsch und haben keinen Bezug zu dieser Sprache. Es wäre für mich sehr traurig, wenn sie und die Kinder nicht in der Lage wären, miteinander zu kommunizieren. Und ich finde das wichtig für die kulturelle Identität. Wir sprechen, essen, singen, schauen Filme und erleben Teile der Kultur beider Länder. Ich habe jahrelang Italienisch-Kurse an deutschen Universitäten geleitet und habe Studierende kennengelernt, die aus verschiedenen Gründen die italienische Erstsprache als Kinder nicht gelernt haben und Jahre später dann bei mir im Kurs waren, um sie als junge Erwachsene zu lernen. Sie haben sich immer sehr darüber geärgert, dass man Ihnen diese Möglichkeit, die Sprache als Kind zu erlernen, nicht gegeben hat. Die Erfahrungen können von Familie zu Familie und von Kind zu Kind sehr unterschiedlich sein. Meine Kinder fühlen sich in beiden Sprachen wohl, gehen sehr kreativ mit den Sprachen um und verfügen Dank der Mehrsprachigkeit über einen breiten Wortschatz; das betonen meistens die Lehrkräfte für Deutsch und Italienisch im Gespräch mit mir.
Redaktion: Ist Ihnen eine der Sprachen für die Kinder wichtiger?
Francesca S.: Beide Sprachen sind mir wichtig für die Kinder. Italienisch ist meine Erstsprache und ich hänge daran, ich bin ja in dieser Sprache aufgewachsen. Mir ist wichtig, dass sich die Kinder in dieser Sprache mitteilen können, und ich freue mich, dass ich mit den Kindern die Sprache meiner Kindheit und meines Herzens sprechen kann. Ich fordere Italienisch, weil wir in Deutschland leben und das die „schwächere“ Sprache ist. Andererseits leben wir in Deutschland, sie besuchen eine deutsche Schule und sollten selbstverständlich der deutschen Sprache mächtig sein – ohne geht es gar nicht.