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Geflüchtete Kinder beim Schulbesuch unterstützen

Geflüchtete Kinder kommen früh in ihrem Leben in ein neues Land und lernen die Sprache ganz anders als Erwachsene. Sie werden in der Regel schnell in das Schulsystem und die Gesellschaft integriert. Wie Sie Kinder beim Schulbesuch unterstützen können, erfahren Sie im Interview mit Rasmus Althaus.

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Veröffentlicht 2018, aktualisiert am 01.02.26, OER-Lizenz CC BY-SA (Öffnet in einem neuen Tab)

Nehmen Sie sich einmal eine Minute Zeit und erinnern sich an Ihre Schulzeit. Haben Sie an Mitschüler*innen oder Lehrer*innen, an ermutigende oder verletzende Erlebnisse gedacht? An Situationen, in denen Sie sich heute anders verhalten würden oder die Sie gerne noch einmal erleben möchten? Was immer Ihnen auch in den Sinn gekommen ist – es werden sicher lebendige und emotionale Erinnerungen gewesen sein. Denn in der Schulzeit lernen wir nicht nur Deutsch, Mathe und Englisch, sondern auch, eine Rolle in der Gemeinschaft zu finden, eine Position in der Klasse einzunehmen und unsere eigenen Stärken und Schwächen einzuschätzen.  Daraus ergibt sich unmittelbar, wie wichtig der Schulbesuch für geflüchtete Kinder und Jugendliche ist. Hier lernen sie Lesen, Schreiben und Rechnen. Sie erfahren etwas über demokratische Werte, Vortragstechniken und selbstständiges Recherchieren. Aber vor allem entwickeln sie ihre Identität zwischen den Kulturen.  Wie Sie den Schulbesuch geflüchteter Kinder bestmöglich unterstützen können? Das haben wir Rasmus Althaus, einen erfahrenen DaF/DaZ-Dozenten und Lehrer einer Willkommensklasse aus Leipzig gefragt.   

Eingliederung der Kinder in das Schulsystem

Redaktion: Herr Althaus, erklären Sie uns bitte erst einmal, wie die Eingliederung der Kinder in das Schulsystem aussieht. 

Rasmus Althaus: Alle Kinder, die in Deutschland leben, haben – unabhängig vom Aufenthaltsstatus – das Recht und die Pflicht, die Schule zu besuchen. Das Ankommen im deutschen Schulsystem verläuft – mit kleinen Unterschieden von Bundesland zu Bundesland – in drei Phasen. Wie schnell die Kinder diese Phasen durchlaufen, ist individuell unterschiedlich.  

  • In der ersten Phase werden die Schüler*innen in einer sogenannten Willkommensklasse unterrichtet. Hier lernen sie gemeinsam mit anderen MigrantInnen zunächst einmal die Grundlagen der deutschen Sprache und des deutschen Schulsystems kennen. Die Willkommensklassen sind altersgemischt.
  • In einer zweiten Phase werden die Schüler*innen teilintegriert, das heißt, sie besuchen neben der Willkommensklasse noch den Unterricht in den Regelklassen mit etwa gleichaltrigen deutschen Schüler*innen. Meist sind das zunächst die Fächer Sport, Musik, Kunst oder auch Mathematik, weil die Sprachkenntnisse hier nicht so im Vordergrund stehen.
  • In einer dritten Phase gehen die geflüchteten Kinder regulär zur Schule, haben aber noch Anspruch auf Förderunterricht und -hilfen wie etwa ein deutsch-deutsches Wörterbuch (Nachteilsausgleich) und die Anerkennung ihrer Erstsprache als Fremdsprache (Feststellungsprüfung). In vielen Bundesländern haben Migrant*innen auch mehr Zeit, um einen Schulabschluss zu erreichen.   

Ratschläge für die Begleitung von geflüchteten Kindern

Redaktion: Welche Ratschläge haben Sie für Ehrenamtliche, die Kinder begleiten? 

Rasmus Althaus: Kinder und Jugendliche lernen Fremd- und Zweitsprachen in der Regel viel schneller als Erwachsene. Anders als Erwachsene, die sich eher von Regeln leiten lassen, imitieren Kinder das Gehörte und leiten so Regeln ab, die sie anwenden. Oft wird die entsprechende Äußerung nicht ganz korrekt sein, aber genau aus diesen Fehlern – und im besten Fall einer kleinen Korrektur – lernen die Kinder. Je älter die Kinder werden, desto eher werden sie den Zugang zur Sprache über grammatikalische Regeln suchen, aber auch ihren spielerischen Zugang dazu verlieren. 

Sie sollten grundsätzlich Ihre Hilfe auf die Frage konzentrieren, wie Sie die Schullaufbahn befördern können. Manchmal kommt es dabei weniger auf das Lernen, sondern auf Strukturen im Alltag und bestimmte Verhaltensweisen an. Auch die Eltern spielen eine wichtige Rolle. Machen Sie Kinder und Eltern darauf aufmerksam machen, wie wichtig ausgesprochene und unausgesprochene Regeln wie etwa Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sind. Manche Eltern sind eventuell nicht mit den Abläufen in der Schule vertraut – zeigen Sie ihnen die Hausaufgabenhefte der Kinder, machen Sie ihnen klar, dass sie am Bildungserfolg ihrer Kinder mitwirken müssen! 

Redaktion: Welche praktischen Tipps ergeben sich daraus? 

Rasmus Althaus: Generell gilt, dass Sie, wenn möglich und in Absprache mit den Eltern, das Gespräch mit den Lehrkräften suchen und nach geeigneten Zusatzmaterialien fragen sollten. Oft können die Lehrkräfte in den Willkommensklassen nicht alle Niveaus gleichzeitig berücksichtigen und die schwächeren Schüler*innen schreiben die Aufgaben und Übungen lediglich ab. Das wiederholt sich in den Regelklassen auch bei den stärkeren Schüler*innen. Wiederholen Sie die Übungen, die Sie in Heften und Büchern finden, aber arbeiten Sie nicht vor. Nehmen Sie sich die Zeit, die im Unterricht fehlt und erklären Sie den Kindern noch einmal die neuen Wörter oder Inhalte. Lassen Sie die Kinder noch einmal ohne Zeitdruck alles vorlesen (bei Anfänger*innen) oder in eigenen Worten erklären oder kommentieren (bei fortgeschrittenen Lernenden).  Es ist ebenfalls wichtig, dass Sie den Schüler*innen klarmachen, wie wichtig das Einhalten der Schulregeln ist, unabhängig davon, wie gut sie schon Deutsch sprechen. Das Verhalten im Unterricht und in der Schule entscheidet oft mindestens so sehr über die Schullaufbahn wie die Leistungen im Unterricht.  

Am Anfang können Sie sich darum kümmern, dass die Kinder alle Materialien haben. Gehen Sie vielleicht gemeinsam Hefte und Stifte einkaufen und üben Sie gleichzeitig die entsprechenden Wörter. Die Gegenstände im Klassenzimmer sind meist die ersten neuen Vokabeln. Versuchen Sie zu allen Inhalten aus dem Lehrbuch praktische oder anwendbare Beispiele zu finden. Gehen Sie in den Supermarkt, fahren Sie gemeinsam mit dem Bus, benennen Sie Gegenstände in der Wohnung, Pflanzen im Park und so weiter. Die Unterrichtszeit reicht oft nur für das Wichtigste – versuchen Sie den Lernstoff mit Leben zu füllen! Noch ein Tipp für außerhalb des Klassenzimmers: Ermutigen Sie die Schüler*innen dazu, einen Sportverein zu suchen – wenn möglich mit Schulfreund*innen. Es ist sehr wichtig, dass die Kinder möglichst viele und vielfältige Berührungspunkte mit der neuen Sprache haben. Außerdem ist ein Freundeskreis, in dem Deutsch geredet wird, sowohl für den Spracherwerb als auch unter dem sozialen Aspekt sinnvoll. Im Sportverein können geflüchtete Kinder – je nach Vorerfahrung – vorhandene sportliche Fähigkeiten zeigen, was wiederum für ihr Selbstbewusstsein wichtig ist. Helfen Sie aktiv bei der Suche und gehen Sie das erste Mal mit zum Training, die Schwelle ist oft groß. Viele Kommunen unterstützen dies finanziell.

Mit fortgeschrittenen Schüler*innen können Sie gemeinsam die Bibliothek besuchen und einen Ausweis machen lassen. Hier können sie oft auch ungestört arbeiten und internetfähige Rechner nutzen.  Ermutigen Sie die Kinder zur Geduld. Es dauert meist mehrere Jahre, bis die geflüchteten Kinder alle Anforderungen des Regelunterrichts erfüllen können. Die Klassenkamerad*innen werden daher oft jünger sein. Loben Sie die Schüler*innen: In einer Fremdsprache zu lernen, ist eine gewaltige Leistung!

Weiterführende Materialien

Zur vorherigen und zur nächsten Lektion:

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Getty Images / http://www.fotogestoeber.de

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